Koloman Wallisch Kantate

Berthold Brechts „Koloman Wallisch Kantate“ beschreibt den Widerstand des sozialdemokratischen Abgeordneten und Kommandanten des republikanischen Schutzbunds in der Obersteiermark Koloman Wallisch. Mit seinen Gefährten kämpfte er 1934 aktiv gegen die faschistische Heimwehr-Bewegung, die Regierung und das Militär in Österreich (um genauer zu sein in Bruck an der Mur). Die Widerstandskämpfe wurde indes nach mehreren Tagen gebrochen. Während seiner anschliesenden Flucht wurde er von seinen eigenen Leuten verraten und am 19. Februar 1934 zum Tode verurteilt und am selben Tage gehängt.

„Koloman Wallisch Kantate“

Berthold Brecht

Fey, der Heimwehrführer
Bekreuzte sich drei Mal und schrie:
Das große Aufräumen
Ist jetzt oder nie:
Her mit den Gewehren
Aus dem Krieg der Monarchie!Es war an einem Wochenend
Die Befehle gingen aus.
Die Gewehre lagen geölet
In Arbeiterheim und Haus.Sie lagen unterm Kohlenkeller
In Mauer und Zimmerdeck
Sie lagen neben des Bahnwärters Haus
Unter der Schlehdornheck.

19. Februar 1934: Koloman Wallisch 2 Stunden vor seiner Hinrichtung
Sie lagen da im sechzehnten Jahr
Dass Ruhe im Lande sei
Doch an jenem zwölften Februar
Kam die Dollfußpolizei.
Sie kamen mit Lastwägen
Doch der Eintritt war nicht frei.

Ihr Frieden geht wieder schwanger mit Krieg.
Jenseits der Grenze das Dritte Reich
Ist sich zu klein. Hinter den Rauchfahnen
Der Munitionsfabriken rühren sich die Hände
Die lang ohne Arbeit waren: sie drehen
Munition. Aus den Parteilokalen
Und den Gewerkschaftshäusern der Arbeiter
Kommt kein „Halt!“ mehr, dort
Sitzt der Abschaum im braunen Hemd
Und im schwarzen Hemd
Sitzt der Abschaum jenseits der Alpen. Der Großmäulige
Der Ersatzcaesar im Quirinal
Träumt den abessinischen Traum und verlangt
Das große Aufräumen.

Wenn das Volk entwaffnet ist
Kommt der Krieg.

Sie kamen Gewehre holen
Da gingen Gewehre los
Denn gegen den Stoß des Feindes
Gibt’s nur den Gegenstoß.

Sie kamen in Linz und sie kamen in Graz
Und sie kamen in Bruck an der Muhr
Und es holte sich blutige Nasen
Was gegen Arbeiterheime fuhr.

Den ganzen Montag gingen
Die Kämpfe in Bruck hin und her
Doch am Abend war die Gendarmen-
Kaserne von Gendarmen leer
Denn dort saß Koloman Wallisch
Der Arbeitersekretär.

CHORUS:
Koloman Wallisch, der Kämpfer
Der Zimmermannsohn aus Lugos in Siebenbürgen
Der Bergarbeiter, der Porzellanarbeiter, der Bauarbeiter
Der Soldat, der Verteiler des Grundbesitzs
Des Grafen Palawizzini, der Bauernfreund
Koloman Wallisch, der Kämpfer.

VORLESER:
In welche Schule ist er gegangen?

CHORUS:
In den Arbeiterverein in Lugos.

VORLESER:
Wer hat ihn gegründet?

CHORUS:
Der Matrose vom Panzerkreuzer Potemkin

Die Arbeiter patrouillieren
Die Kinder patrouillieren mit
Durch Brucks alte Gassen
Hallt der neuen Herren Tritt.

Der Abend ist kalt und es regnet.
Im Lautsprecher redet Wien:
Ruhe in Wiener Neustadt
Und in Graz die Anführer fliehn.

Die Verwundeten horchen und schweigen
Der Regen trommelt gedämpft
Und die Stimme im Lautsprecher meldet:
In Bruck wird nicht mehr gekämpft.

CHORUS:
Sie lügen die die Berge weg!
Ihr Maul hat fünf Zungen:
Eine ist väterlich.
Eine ist lehrhaft.
Eine des gemeinen Manns.
Eine des Seelsorgers.
Eine des Schlächters.
Sie lügen die Berge weg!

Wir haben uns angeblicket:
War’s Freiheit oder Fron?
War Österreichs Volk im Siegen
Oder war es geschlagen schon?
Koloman Wallisch
Ging auf die Bahnstation.

Da war’s eine Nacht wie jede
Da liefen die Züge ein
Da sah Koloman Wallisch
Auf einen Randstein.

CHORUS:
Wir sind wie die Hunde
Die sich raufen um den Knochen.
Wenn wir nichts haben
Beißen wir uns selber zu Tode.

Knurrend und schnappend
Suchen wir uns den besten Platz im Gespann
Während wir dem Feind den Karren ziehn.

Saust die Peitsche nieder
Haßt der Hund den Nebenhund.
Wem der Herr das Fleisch zuerst vorwirft
Der beschützt ihn.
Ach, des wilden Hundes bester Zähmer
Ist der gezähmte Hund.

CHORUS 2:
Wer ist leichter zu betrügen als wir?
Die immer Betrogenen
Betrügt man am leichtesten.

Da legen wir unsere Kupfer zusammen
Und essen nicht zu Abend
Und mieten uns einen, der für uns einsteht.
Aber er setzt einen Hut auf
Und verrät uns den Herrn.

Er kommt herunter zu uns und holt die Kupfer ab
Und erzählt uns etwas
Und lacht laut, wenn er weggeht.
Wir aber glauben ihm
Und essen nicht zu Abend.

Sind wir am End mit unserer Kraft
Sagt man uns, das nächste Jahr
Werdet ihr an die Tische gesetzt.
Und wir schleppen uns weiter
Aber das nächste Jahr
Bleibt immer das nächste.

CHORUS 3:
Wer da gut lebt
Der lebt von uns. Wer da alt wird
Der überlebt uns.
Wer sein Haus auf unsern Rücken baut
Der baut auf Felsen.

Mit seinen Läusen und deren Läusen
Lebt er von uns. Die Felder gefallen ihm.
Die wir bestellt haben. Das Fleisch schmeckt ihm
Das uns fehlt.

Wenn ihm die Peitsche aus den Händen fällt
Weil er krank ist vom Rauben
Sitzen wir an seinem Lager als der Arzt
Und wenn ihm seine Zähne abfaulen
Setzen wir ihm Gold in die Löcher
Damit er fressen kann, damit er schlagen kann.

CHORUS 4:
Wir sehen wie die alten Leute
Die ihre Zeit schon gelebt haben:
Ihre Tagen sind schon verrichtet
Ihre Worte sind schon gesprochen.
Worauf warten sie noch?

Wer wollte hoffen auf sie, die so müde sind?
Die Achse der Welt ist verschoben.
Werden wir sie einrenken?

CHORUS 6 leise:
Die Achse der Welt ist verschoben.
Wir werden sie einrenken.
Die sieben Mal Uneinigen
Werden das achte Mal einig sein.
Die sieben Mal Geschlagenen
Werden das achte Mal siegen.

Die Schutzbundkundschafter melden
Gegen elf einen blutigen Spuck:
Von allen Seiten rollen
Schwere Haubitzen auf Bruck
.
Dollfuß, der christliche Kanzler
Setzt an zum Aderlaß:
Das Kyrie eleison soll wieder
Einmal erschallen im Baß.

Gewehre gegen Haubitzen
Ist Gemetzel und nicht Schlacht.
So beschlossen die Unsern den Rückzug
In der selbigen Nacht.
Und kamen in bergige Gegend
Morgens gegen acht.

Sie laufen zu nachtschlafender Zeit
Und eiliger, wenn es tagt
Sie flüchten in ihrem eigenen Land
Wie das schauderende Wild gejagt.

Flugzeuge über den Bergen
Spähn nach dem Wallisch jetzt:
Es hält der christliche Kanzler
Den Himmel besetzt.

Seine Bauern verkaufen das tägliche Brot
Nicht an den roten Gast.
Der Marsch geht auf Frohnleiden
Der Name hat gut gepasst.

Es war in diesem Februar
Als gäb sich ein Frühling Müh
Früh zu kommen in diesem Jahr
Und kam doch nur zu früh.

Der Dienstag war ein grauer Tag
Mit Regen und kühlem Wind
Und Schuhe gehen aus dem Leim
Die zu lang getreten sind.
Der Dienstag war ein langer Tag
Viele blieben dahint.

Manch einer stellte am Straßenrand
Ab das Maschinengewehr
Die Nachhut musst es sammeln
Und schleppte doppelt so schwer.


VORLESER:
Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt
Und lässt andere kämpfen für seine Sache
Der muss sich vorsehen; denn
Wer den Kampf nicht geteilt hat
Der wird teilen die Niederlage.
Nicht einmal den Kampf vermeidet
Wer den Kampf vermeiden will; denn
Es wird kämpfen für die Sache des Feinds
Wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat.

Der Marsch ging zur Hochalb
Dort war die letzte Schlacht
Ein Trüpplein war umzingelt
Von einer Heeresmacht.

Und als sie zum Sturm ansetzten
Machten sie’s uns schwer
Denn sie trieben gefangene
Schutzbündler vor sich her.
Da hoben die unsern seufzend
An die Backe das Gewehr.

Immerfort treiben sie unseresgleichen
Gegen uns, und sogar zum Treiben
Brauchen sie immerfort unseresgleichen.

Wir sind die Henker und wir sind die Opfer
Gießen den Block und legen das Haupt drauf.

„Mutter, wo ist unser Vater?“
„Kind, er kämpft bei den Roten.
Schlaf, Kind, schlaf ein.“
„Mutter, wo sind die Toten?“

„Mutter, wo ist unser Vater?“
„Kind, er schießt auf die Roten.
Schlaf, Kind, schlaf ein.“
„Mutter, wo sind die Toten?“

Als die letzte Kugel verschossen
Zogen sie an die Skier
Konnte der Wallisch nicht skiern
Er war nicht von hier.

Ein Bauer am Hochanger
Gab ihm Milch und drei Brote, doch wiss:
Die Groschen hat er entrichtet
Bevor er ins Brot biß.

Der Autobussschofför Krobart
Hat den Wallisch daran erkannt
Dass der ihn in der Bedrängnis
Genosse hat genannt

Der Mensch hat ihn verraten
Statt dass er ihm beisteh
Dem Wallisch ist kälter geworden
Als bis zur Brust im Schnee.

Und als man telefonierte
Wie Wien zum Wallisch ständ
Da war halt leider Gottes
Auf Urlaub das Parlament.

Und als man wollt des christlichen
Kanzlers Meinung hören
Da war halt der Kanzler beim Beten
Da durfte ihn keiner stören.

In Leoben nah dem Erzberg
Nachts zur elften Stund
Hat man den Wallisch gehänget
Als einen roten Hund.

Er hat Freiheit gerufen
Mit dem letzten Atemzug
Da hängten zwei Henker sich an ihn
Er war nicht schwer genug.

Im Februar vierunddreißig
Der Menschlichkeit zum Hohn
Hängten sie den Kämpfer
Gegen Hunger und Fron
Koloman Wallisch
Zimmermannsohn.

Bruder es ist Zeit,
Bruder, sei bereit
Gib die unsichtbare Fahne weiter jetzt!
Im Sterben nicht anders als einstmals im Leben
Wirst du nicht, Genosse, dich diesen ergeben.
Heut bist du besiegt und drum bist du der Knecht
Doch der Krieg endet erst mit dem letzten Gefecht.
Doch der Krieg endet nicht vor dem letzten Gefecht.

Bruder es ist Zeit,
Bruder, sei bereit
Gib die unsichtbare Fahne weiter jetzt!
Gewalt oder Recht und es schwanket die Waage
Doch der Knechtschaft Tag um, kommen andere Tage.
Heut bist du besiegt und drum bist du der Knecht
Doch der Krieg endet erst mit dem letzten Gefecht.
Doch der Krieg endet nicht vor dem letzten Gefecht.