Stell‘ Dir vor, es ist Krieg…

„Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin – dann kommt der Krieg zu Dir!
Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt,
und lässt andere kämpfen für seine Sache,
der muss sich vorsehen:
denn wer den Kampf nicht geteilt hat,
der wird teilen die Niederlage.
Nicht einmal Kampf vermeidet,
wer den Kampf vermeiden will:
denn es wird kämpfen für die Sache des Feinds,
wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat.“

Entgegen allgemeiner Annahme ist diese Aussage nicht von Berthold Brecht. In Wahrheit kommt der Satz „Stell Dir vor, es kommt Krieg und keiner geht hin!“ von einer Übersetzung aus dem Englischen. Der Satz entstammt vielmehr dem Gedichtband „The people, yes“ (1936) von Carl Sandburg. Erschienen bei Harcourt Brace & Company.
Dort heißt es: „Sometime they’ll give a war and nobody will come.“ (Seite 43, Nr. 23). Wobei sich Sandburg mit „they’ll give a war“ eine Anspielung auf den gebräuchtlichen englischen Ausdruck „to give a party“ erlaubt. Eine mögliche, recht sinnvolle wörtliche Übersetzung für das Zitat würde somit einen anderen Ausdruck ergeben, nämlich: „Irgendwann werden sie einen Krieg machen und keiner wird hingehen.“. Eine etwas anspielerische aber, meiner Meinung nach, bessere Übersetzung lautet: „Irgendwann werden sie einen Krieg geben und keiner wird hingehen.“.

Ein unbekannter Gegner der deutschen Friedensbewegung (gegen den Nato-Doppelbeschluss in den 1980’er) hat später den deutschen Nachsatz „- dann kommt der Krieg zu Dir!“ angefügt.
Der Vollständigkeit halber sei aber erwähnt, dass dieser Ausspruch auch mit dem Wort „Euch“ anstelle von „Dir“ zu finden ist bzw. „kommt“ anstelle von „ist“. Welches die erste oder „richtige“ Version ist konnte ich nicht aufklären.
Später wurde der restliche Text aus der „Koloman Wallisch Kantate“ [Zitatstelle] von Berthold Brecht entnommen. Dieses angefügte Zitat aus dem brechtschen Gedicht muss daher unabhängig vom ersteren Teil betrachten werden.

Während der obere Teil, unserer eingedeutschten Variante, von „Krieg“ spricht ist im Gedicht von Berthold Brecht von „Kampf“ die Rede. Brecht bezieht sich mit seiner Formulierung primär auf den Arbeitskampf oder den Kampf für soziale und politische Gerechtigkeit – der nicht ausschließlich durch physische Gewalt erfolgen muss! Deutlich wird dies, wenn man sich sein Gedicht als Ganzes durchliest, denn dann wird deutlich, dass das Gedicht dem österreichischen Widerstandkämpfer Koloman Wallisch gewidmet ist, und keine Antirede gegen den Krieg.
Darüber hinaus wäre es ein Stilbruch zuerst das Wort „Krieg“ zu verwenden und somit vom Krieg als Geschehnis zu reden und später zusammenhangslos mit dem Wort „Kampf“ ergo mit einer anderen Thematik, dem Kämpfen an sich, fortzufahren.
Wie oben bereits ausgeführt ergibt sich für den Text aus Brechts Gedicht ein Kontext der bei kritischer Betrachtung nicht mit dem des ersten Teils korreliert.
Würde der erste Part des Ausspruches für sich stehen ergebe er eine in sich geschlossene Schlussfolgerung, auch wenn selbst dieser erste Teil aus zwei völlig unterschiedlichen Ursprüngen besteht. (So gesehen hatte der anonyme Editor ein glückliches Händchen mit seiner Wortwahl.)

Als Resümee empfehle ich, den oberen und den unteren Teil getrennt zu verwerten. Zum einen können die unterschiedlichen Verfasser wesentlich besser auseinander gehalten werden und zum anderen wird man den signifikant unterschiedlichen Inhalten gerechter.
Während ich den Inhalt und Sinn des brechtschen Gedichtes für durchaus eindeutig halte sehe ich dies für den oberen Teil eher differenziert. Dieser bietet meiner Meinung nach genug Stoff für ein eigene Auseinandersetzung. Ich möchte aber anmerken, dass der Textteil von Carl Sandburg sehr wohl Sinn und Verstand hat.

Zum ersten Mal tauchte das Original von Carl Sandburg, in seiner Form als Antikriegs-Zitat, während der Anti-Kriegsproteste in den USA der 1960’er Jahre auf. 1970 wurde dieses Zitat dann in der Komödie „Suppose They Gave a War and Nobody Came?“ wieder aufgenommen.

Im Jahr 1966 verwendete die amerikanische Autorin „Charlotte E. Keyes“ den Text „Suppose They Gave a War and No One Came.“ als Überschrift in einem ihrer bekanntesten Zeitungsartikel (Oktober 1966, McCall’s Magazine). Ihr Sohn, Raven Keyes, schrieb dazu in seinem Buch „The Quote Verifier“ (2006), dass sie den Text aus einem Brief entlieh, welchen der Scientific American Redakteur James R. Newman 1961 an den damaligen Editor der Washington Post schrieb. Wobei Newman die Zeilen von Carl Sandburg aus einer falschen Erinnerung heraus zitierte. In seinem Buch „The Rule of Folly“ (Simon and Schuster, 1962) verweist er nochmal auf das Gedicht von Carl Sandburg.

Kurze Zeit später tauchte der Text dann auf einem Sticker des NBC-Nachrichtensprechers David Brinkley auf. Und von da an war der Slogan nicht mehr auf zuhalten.

Eine weitere Version des Textes erschien 1968 als Lied “What If They Gave a War and No One Came“ der Gruppe Jonna Gault And Her Symphonopop Scene (Komponiert von Jonna Gault). Daneben gibt es eine Vielzahl an Liedern, die sich dieser berühmte Zeile bedienen (z.B. die Monkeeys mit Zor And Zam, 1968 oder die West Coast Pop Art Experimental Band, 1967).

Später verwendete Allen Ginsberg diesen Gedanken von Jonna Gault in seinem Gedicht: „Graffiti 12th Cubicle Men’s Room Syracuse Airport (11. November 1969) [Zitat: What if someone gave a war & Nobody came? Life would ring the bells of Ecstasy and Forever be Itself again.]. Veröffentlicht wurde es zum ersten mal in seinem Buch „Fall of America: Poems of These States, 1965-1971 vom Verlag City Lights in San Francisco. Nochmal, 1988, erschien es im Buch Collected Poems 1947-1980 im Verlag Harpercollins

Neben den hier erwähnten Personen werden die Worte auch Arlo Guthrie oder Sandburgs Kollegen Thornton Wilder in den Mund gelegt. Aber dazu gibt es keine näheren Beweise.

Und nun kennen Sie die wahre Geschichte.